BioHandel: Ronald, warum zieht es dich zu neuen Ufern?
Ronald Steinmeyer: Ich bin letztes Jahr 55 geworden und überlege mir natürlich, was ich die nächsten zehn Jahre machen will. Nach 30 Jahren Verlag war mir klar: Das ist genug. Ich werde eine Auszeit nehmen und in dieser Zeit entscheiden, was ich machen werde.
BioHandel: Man kann sagen, du hast als Unternehmer viel erreicht. Du konntest deine Ansprüche an neues ökologisches und soziales Wirtschaften verwirklichen. Was fehlt?
Ronald Steinmeyer: Zunächst einmal: Ich habe mich nie als Unternehmer in dem Sinne verstanden, dass andere Menschen Unterlasser sind, die ich dazu bewegen muss, auch etwas zu tun. Ja, der Verlag und seine Produkte sind erfolgreich – und das ist der Erfolg von uns allen. Persönlich: Ja, ich konnte viele Dinge verwirklichen, von denen ich geträumt habe. Am Unternehmen fehlt für mich nichts. Und ich bin beziehungsweise wir sind damals mit einer noch größeren Vision angetreten, nämlich Arbeit, Wohnen und Leben zu verbinden. Dieser Traum treibt mich weiter an. Und er ist im Verlag nicht weit genug zu verwirklichen.
BioHandel: Warum ist es dir so wichtig, dass die Mitarbeiter den Verlag übernehmen und nicht jemand, der von außen kommt?
Ronald Steinmeyer: Von Anfang an haben wir den Kollegen versprochen, dass sie bei uns an den Entscheidungen viel stärker beteiligt werden als es meist der Fall ist. Wenn ich meine Anteile etwa an einen anderen Verlag verkauft hätte, hätte ich dieses Versprechen gebrochen. Und: Es ist und bleibt auch meine Vision, dass Menschen auch in der Wirtschaft gemeinsam über ihr Schicksal bestimmen, so wie das in der Politik hier und heute selbstverständlich ist.
BioHandel: Aber nicht alle Mitarbeiter haben das ökonomische Wissen, dass sie unternehmerische Entscheidungen treffen können. Redakteure zum Beispiel haben manchmal mit Zahlen wenig am Hut.
Ronald Steinmeyer: Tja, das ist wahr. Deshalb schulen wir seit Jahren alle Kollegen in wirtschaftlichen Fragen, in Kommunikation. Und wir arbeiten seit Jahren daran, dass Entscheidungen, Verantwortung und Außendarstellung auf so viele Schultern wie möglich verteilt werden. Deshalb können wir auch zentrale wirtschaftliche Entscheidungen qualifiziert gemeinsam treffen. Klar, nicht jeder versteht jede Entscheidung zu 100 Prozent. Aber wir haben ein Beziehungsgeflecht geschaffen, in dem diejenigen, die eine Entscheidung nicht ganz verstehen, den anderen vertrauen.
BioHandel: Also doch nicht die völlige Gleichheit?
Ronald Steinmeyer: Nein. So gleich und demokratisch wie möglich, so unterschiedlich wie nötig und sinnvoll. Ich denke, dass einerseits das politische Prinzip „one man/woman, one vote“ im ökonomischen Bereich nicht möglich ist. Dass aber andererseits das, was andere Unternehmen an Hierarchie und an Entscheidungsmacht in ganz wenigen Händen zentralisieren, unnötig ist – und auf Dauer auch nicht Erfolg versprechend. Bei uns entscheidet am Ende genau dieser Erfolg darüber, was „möglich“ und was „nötig“ ist.
BioHandel: Sabine, für dich wäre Ronalds Rückzug eine Gelegenheit gewesen, ebenfalls etwas Neues zu beginnen. Warum hast du dich fürs Weitermachen entschieden?
Sabine Kauffmann: Ich habe beide Möglichkeiten geprüft. Wichtig für meine Entscheidung war, wie die Kollegen und die Führungskräfte auf die neue Situation reagieren würden. Deren Reaktion war so positiv, dass ich es sehr spannend finde, diesen Weg zu gehen und mich darauf freue.
BioHandel: Wie verhält sich die neue Struktur zu den Ursprüngen des Unternehmens?
Sabine Kauffmann: Wir haben den Verlag einmal gleichberechtigt zu fünft gegründet. Wir waren gleichzeitig Gesellschafter und Mitarbeiter und haben alles gemeinsam entschieden. Dann sind wir gewachsen, haben Leute eingestellt, und ein paar der Gründungsgesellschafter sind ausgestiegen. Im Zuge dessen wurden wir ein Unternehmen mit zwei Gesellschaftern und einigen Angestellten. Im Laufe der Zeit haben wir uns der Beteiligung aller Kollegen an allen Entscheidungen wieder Schritt für Schritt angenähert, etwa über Mitbestimmung in verschiedenen Gremien, über Erfolgs- und Kapitalbeteiligung. Wenn jetzt die Mitarbeiter das Unternehmen übernehmen und damit ihre Zukunft sichern und selbst gestalten, dann ist das ein toller Schritt, der uns ein Stück weit vorwärts, zurück zu den Visionen des Anfangs, bringt.
BioHandel: Der wichtigste Unterschied für dich ist wohl, dass du künftig die alleinige Geschäftsführerin bist. Was verändert sich für dich?
Sabine Kauffmann: Lange war vor allem Ronald nach außen sichtbar und hat den Verlag repräsentiert. Aber das haben wir in den letzten zehn Jahren schon geändert. Insofern setzen wir konsequent die erwünschte Entwicklung fort. Eine andere und wichtigere Ebene ist, dass wir auch als Geschäftsführer stark bei den Produkten mitgearbeitet haben. In Zukunft werde ich mich stärker auf Geschäftsführungsaufgaben konzentrieren und mich dabei noch mehr auf die Produktteams verlassen.
BioHandel: Im Extremfall könnten dich Mitarbeiter und Führungsmannschaft überstimmen. Siehst du darin ein Problem?
Sabine Kauffmann: Nein. Wir haben auch bisher nichts gegen Mitarbeiter und Führungskräfte durchgesetzt. Genau hier liegt ja eine der Stärken von Mitbestimmung und –verantwortung: Alle bringen ihr Know How ein. Und bisher haben die Mitarbeiter gerade bei den großen, unternehmerisch notwendigen und risikoreichen Entscheidungen immer für die Sicherung und Entwicklung des Verlages gestimmt und nicht für kurzfristige individuelle Interessen.
BioHandel: Nun könnte man sich fragen, ob es gut ist, wenn der Lotse und Hauptgesellschafter gerade jetzt von Bord geht. Ich denke etwa an die globale Wirtschaftskrise oder die Schwierigkeiten der Medien.
Sabine Kauffmann: Ich denke, es ist ein guter Zeitpunkt. Wir sind für den künftigen Wettbewerb gut aufgestellt. Schrot&Korn hat gerade wieder einen großen Relaunch hinter sich, cosmia und BioHandel entwickeln sich gut. Bis Ronald nächstes Jahr weggeht, wird vermutlich die Wirtschaft wieder einigermaßen auf den Füßen sein, und wir wissen, wie man eine solche Krise erfolgreich übersteht. Und, was man nicht vergessen sollte: Durch die Beteiligung der Mitarbeiter sind wir weiterhin von Banken, Lieferanten und anderen externen Geldgebern unabhängig.
BioHandel: Ellen, was verändert sich aus Mitarbeitersicht? Müssen die Mitarbeiter künftig unternehmerischer denken?
Ellen Heil: Unternehmerisches Denken haben wir in den letzten Jahren schon praktiziert und gelernt. In der Vergangenheit waren sowohl Mitarbeiter als auch Führungskräfte in alle wichtigen Entscheidungen involviert. Sicher müssen wir uns für die Zukunft noch weiter schulen und sicher werden wir Mitarbeiter in verschiedenen Gebieten unsere Stärken einbringen und Einschätzungen abgeben, insbesondere auch diejenigen, die mit ihren Kundengruppen vertraut sind. Und natürlich werden auch andere ihre speziellen Kenntnisse mit dem Team teilen, etwa Kenntnisse in Betriebswirtschaft, Branchenwissen, Infos über Medien, web 2.0 und vieles mehr.
BioHandel: Ulrike, wie wirkt sich die neue Struktur auf das Betriebsklima aus?
Ulrike Fiedler: Sie motiviert, weil man teilhat am Erfolg. Wenn ich weiß, dass es unser Verlag ist, identifiziere ich mich besser mit dem Unternehmen und bin stärker bereit, mich einzubringen. Dadurch wird der Verlag noch mehr zur Herzensangelegenheit.
BioHandel: Was würde es aus Mitarbeitersicht bedeuten, wenn der Verlag Insolvenz anmelden müsste: Heißt das nicht, der Job ist weg und die Ersparnisse auch? Ist das nicht riskant?
Ulrike Fiedler: Natürlich ist das ein Risiko, wie bei jedem anderen Unternehmen auch. Dadurch, dass man selbst beteiligt ist, tut man sein Bestes, um das Unternehmen so erfolgreich wie möglich zu machen. Durch die Mitbestimmungsmöglichkeiten habe ich das viel stärker in der Hand als bei einem anderen Unternehmen. Wir sehen frühzeitig, was geschieht – und haben sowohl als Eigentümer als auch als Mitarbeiter die Möglichkeit, zu steuern.