- | + Biohandel   online 12.5.2010

 

Dioxin

Warten auf die Messergebnisse

Bundesweit waren am Dienstag noch rund zwei Dutzend Bio-Höfe vorsorglich gesperrt, die dioxin-kontaminierten Futtermais aus der Ukraine gekauft hatten. Die Hälfte davon sind meist kleinere Naturland-Betriebe. Andere Verbände waren nach deren Auskünften nicht betroffen. Alnatura nahm in seinen Filialen in Nordrhein-Westfalen vorsorglich bereits ausgelieferte Eier der gesperrten Betriebe aus den Regalen. Weiling bezog auch Eier dieser Betriebe. Die Eier waren von den Läden bereits verkauft, so dass sie nicht mehr zurückgerufen werden konnten. Ob weitere Bio-Großhändler Eier zurückholen mussten, ist nicht bekannt. Der Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen e.V. (KAT) steht wegen seiner Informationspolitik in der Kritik. Denn er hatte die Belastungen im Rahmen seines freiwilligen Dioxin-Monitorings bereits drei Wochen vor Ostern entdeckt. Eine konkrete Gesundheitsgefahr seien die Dioxin-Rückstände nicht, hatte das Bundesinstitut für Risikobewertung erklärt.

Von den betroffenen zwölf Naturland-Erzeugern (fünf sind inzwischen wieder freigegeben) seien die meisten kleine Betriebe mit wenigen hundert Legehennen, berichtete Naturland-Sprecher Carsten Veller. Sie würden vor allem lokal vermarkten und seien keine KAT-Mitglieder. Einer der Betroffenen vermarktete seine Eier über die Packstelle von Hof Alpermühle ,  der auch Alnatura-Filialen in Nordrhein-Westfalen beliefert. Der Filialist teilte mit, er habe in seinen Filialen in Nordrhein-Westfalen die regionalen Eier aus dem Sortiment genommen.

Die betroffenen Erzeuger bleiben gesperrt, bis die amtlichen Untersuchungen der Eier gezeigt haben, ob diese belastet sind. Das dürfte in den meisten Fällen bis Freitag oder bis Anfang kommender Woche dauern. Geht man davon aus, dass die Länderbehörden inzwischen die Wege der 2.500 Tonnen Bio-Mais bis in die Ställe zurückverfolgt haben, dürften kaum noch neue Betroffene hinzukommen.

Stellungnahmen der Verbände:

Dioxine im Futter sind kein Bio-Problem

Aufgeklärt werden müssen noch zahlreiche Fragen rund um die Verunreinigung: Welche Analysen musste der Verkäufer des ukrainischen Bio-Maises vorlegen? Welche Analysen haben die Käufer selbst machen lassen? Handelte es sich um einen einmaligen technischen Fehler oder wird bei ukrainischen Erzeugern das Futtergetreide immer mit Rauchgasen getrocknet? Wie schaut die Belastung bei anderen Chargen von ukrainischem Biofutter aus?

Klar ist, dass Dioxine im Futter kein spezifisches Bio-Problem sind. Im EU-Schnellwarnsystem für Futtermittel sind seit Anfang des Jahres vier Warnmeldungen wegen Dioxinrückständen in konventionellem Futter erschienen:

  • Dioxine in getrocknetem Basilikum (Futtermittel) aus Ägypten, via Deutschland
  • Dioxine in hydriertem Palmfett aus Spanien
  • Dioxine in Vitamin-A-Palmitat aus China, verarbeitet in Futtermittelvormischung aus Deutschland
  • Dioxin in getrocknetem Mehl (Futtermittel), hergestellt aus Braunalgen aus Irland.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Skandale um Dioxine oder die verwandten PCB in konventionellen Lebensmitteln, zuletzt im Dezember 2008, als irisches Schweinefleisch durch Dioxine belastet war. Die Quelle waren mit Altöl gepantschte Futtermittel.

KAT in der Kritik

Obwohl es sich um ein freiwilliges Monitoring-System handelt und es keine Verpflichtung zur Meldung an die Behörden gibt, blieb Kritik an der Informationspolitik des von der Eier-Wirtschaft gegründeten Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen e.V. (KAT). nicht aus. Er hatte bereits im Februar erste Grenzwertüberschreitungen gemessen. Unterlagen des KAT, die BioHandel vorliegen, zeigen, dass diese Überschreitungen massiv waren. Demnach erfolgten die Probenahmen in zwei Betrieben am 25. Februar, die Ergebnisse lagen laut KAT am 16. März vor, also drei Wochen vor Ostern. Sie lagen mit 6,5 und 8,2 Nanogramm je Kilogramm (ng/kg) um das zwei- bis fast Dreifache über dem Grenzwert.

Auf die Nachfrage, warum man damals nicht sofort Alarm geschlagen habe, antwortete KAT: „Es handelte sich um Einzelfälle, deren Ursache verifiziert werden muss. Die Betriebe wurden sofort gesperrt und der Handel sofort informiert, damit keine Eier mehr in Verkehr kommen oder aus dem Verkehr genommen werden können. KAT ist nicht verpflichtet, die Behörden zu informieren.“

Am 21. April lag das Ergebnis einer dritten Probe vor, die bereits am 11. März gezogen worden war. In diesem Betrieb lag die Belastung bei 13,6 ng/kg. Bereits am 23. April beprobte KAT die drei bisher bekannten sowie zehn weitere Erzeuger. Doch erst am 27. 4. informierte der Verein die niedersächsischen Behörden. „Man hätte die betroffenen Betriebe früher sperren können, wenn die KAT die Behörden umgehend informiert hätte“, klagte die Sprecherin des Niedersächsischen Landesamts für Lebensmittelsicherheit, Hiltrud Schrandt, in der taz.

Die Öffentlichkeit informierten allerdings auch die Behörden nicht. Bekannt wurde der Vorgang erst über die Lokalzeitung General-Anzeiger. Deren Redaktion berichtete über die erste Sperrung eines Betriebs durch die Lebensmittelbehörde im Landkreis Emsland. In den folgenden tagen gingen die befassten Landesbehörden nur selten von sich aus mit Pressemitteilungen an die Öffentlichkeit. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit musste noch am Dienstag zugeben: „Eine aktuelle Übersicht über die gesperrten Höfe liegt dem BVL nicht vor.“

Kommentar

Transparenz ist mehr als eine Nummer auf dem Ei

Man muss dem KAT zugute halten, dass er ein intern gut funktionierendes Qualitätssicherungssystem aufgebaut hat. So fand der Verband 2007 gentechnisch verändertes Soja in Futtermitteln für Bio-Hennen und klärte den Vorgang auf. Dass der KAT ein Dioxin-Monitoring für Eier betreibt, ist vorbildlich. Wie er mit dessen Ergebnissen umgeht, ist zumindestzu hinterfragen. Man kann davon ausgehen, dass die Eier der derzeit gesperrten Betriebe im Februar und März ähnlich hohe Dioxinbelastungen aufwiesen, wie die der damals beprobten Erzeuger. Diese Belastung der Verbraucher hätte vermieden werden können, wenn der KAT sofort Alarm geschlagen hätte. Allerdings wäre dann das Bio-Ostereiergeschäft zusammengebrochen und das Thema hätte wegen Ostern und den damals deutlich höheren Messwerten einen richtig schönen Skandal gegeben.

Die KAT-Verantwortlichen würden die Unterstellung, sie hätten Ostern im Hinterkopf gehabt, erbost zurückweisen. Denn es ist durchaus üblich, Grenzwertüberschreitungen erst einmal zu verifizieren, bevor man Alarm schlägt. Und eine Informationspflicht gegenüber den Behörden hat auch der Bio-Hersteller nicht, dessen Qualitätssicherung eine Grenzwertüberschreitung feststellt. Die meisten dieser Fälle werden still geregelt. Nur bei akuten Gesundheitsgefahren, etwa einer mit EHEC-Erregern verkeimten Bio-Salami, ist die Information der Öffentlichkeit Pflicht.

Aus Sicht der Hersteller und Händler hat eine solche zurückhaltende Politik ihre Vorteile. Wenn man den Kunden im Laden als mündigen Verbraucher ernst nimmt, dann geht das so nicht. Transparenz ist mehr als eine vollständige Zutatenliste oder eine Nummer auf dem Ei.

Leo Frühschütz

 

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