- | + Biohandel   Februar 2010

Biohandel 01/2010  

Marktdaten

„Nützlich für die gesamte Branche“

Wie viele Naturkostläden gibt es in Deutschland? Welchen Umsatz erzielt der Fachhandel? Das sind Fragen, auf die es zum Teil widersprüchliche Antworten gibt. Denn das Datenmaterial der unterschiedlichen Quellen beruht auf Schätzungen und Hochrechungen. Ein Projekt des Bundesprogramms Ökologischer Landbau, an dem sich unter anderem der Bio Verlag beteiligt, möchte das ändern. Wir sprachen mit Projektkoordinatorin Dr. Heike Kuhnert. // Peter Gutting

KuhnertBioHandel: Frau Kuhnert, in den nächsten Monaten, zwischen April und Juli, erhält jeder Naturkostladen in Deutschland einen Anruf, in dem verschiedene Daten abgefragt werden. Was wollen Sie im Einzelnen wissen?

Heike Kuhnert: Vor allem wollen wir mit Hilfe der Einzelhändler die Naturkostläden vollständig erfassen. Bisher schwanken die Ladenzahlen je nach Quelle stark. Um zum Beispiel mit Hilfe des Umsatzbarometers dann die Umsätze des gesamten Naturkosthandels ausrechnen zu können, brauchen wir die Verkaufsfläche und die Umsatzanteile der Non-Food-Sortimente. Zur Absicherung der Hochrechnungen hoffen wir, zusätzlich möglichst häufig Angaben zum Jahresumsatz 2009 und den Plänen für die nähere Zukunft zu erfahren.

Marktdaten
Link zur Projektbeschreibung

BioHandel: Wie wichtig ist es, dass die Einzelhändler diese Befragung ernst nehmen und ein wenig Zeit dafür reservieren?

Heike Kuhnert: Die Transparenz bezüglich des Naturkostfachhandelsmarkts in Deutschland ist zurzeit eher gering. Verlässliche Daten, die den Unternehmen und auch den Branchenverbänden Orientierung geben können, fehlen. Von daher ist es für die gesamte Branche von Nutzen, wenn sich alle angefragten Einzel- und Großhändler ein wenig Zeit zur Beantwortung unserer Fragen nehmen. Aus der Beratungsarbeit ist bekannt, dass Händler, die sich gezielt mit ihren eigenen Zahlen und denen der Branche – soweit vorhanden – beschäftigen, oft die erfolgreicheren sind. Für unser Projekt hat die Mitwirkung an unseren Erhebungen eine Schlüsselrolle. Denn nur wenn sich alle ein wenig Zeit nehmen, können wir aus den vielen Einzelteilen ein Gesamtbild des Naturkostfachhandels zeichnen.

Die sechs Projektpartner
  • BNN Herstellung und Handel (Projektträger)
  • Land und Markt (Projektkoordination)
  • AgroMilagro research
  • Kommunikationsberatung Klaus Braun
  • Bio Verlag
  • Uni Kassel, Ökol. Agrarwissenschaften, Prof. Hamm

BioHandel: Werden die Einzelhändler ebenfalls von den Ergebnissen profitieren können oder handelt es sich einfach nur um einen Gefallen, den sie der Branche tun?

Heike Kuhnert: Aus Sicht des Projektteams profitiert die gesamte Naturkostbranche – und damit auch jeder Einzelhändler – von mehr Markttransparenz. Wenn wir uns darüber nicht einig wären, wäre das Projekt in dieser Konstellation der sechs Partner sicherlich nicht zustande gekommen. Spannend wird es vor allem auch sein, die in den nächsten zwei Jahren erhobenen Daten fortzuschreiben und genauer sagen zu können, wo die Reise im deutschen Naturkostfachhandel hingeht.

BioHandel: Es gibt bisher verschiedene Personen und Institutionen, die Zahlen über den Naturkosthandel liefern. Warum stimmen diese Zahlen nicht überein?

Heike Kuhnert: Dafür gibt es insbesondere zwei Gründe. Zum einen ganz generell unterschiedliche methodische Vorgehensweisen bei der Hochrechnung des Marktvolumens. Und zum anderen voneinander abweichende Annahmen über die Marktrealität, die in die Hochrechnung einfließen. So ist es für die Bestimmung des Marktvolumens beispielsweise von Bedeutung, welche Anzahl an Naturkostfachgeschäften insgesamt und Umsätze der einzelnen Läden man unterstellt. Eine Rolle spielt weiterhin, welche Umsatzstruktur der Einzelhändler angenommen wird: Je höher der Umsatzanteil von Non-Food-Artikeln veranschlagt wird, umso geringer fallen die Umsätze mit Lebensmitteln aus. Unterschiedliche Annahmen über die Struktur des Großhandels und die Bezugsstrukturen der Einzelhändler sind ebenfalls relevant. Eine spannende Frage diesbezüglich ist, in welchem Umfang die Einzelhändler wo einkaufen: Wie hoch ist der Anteil, der direkt bei den Herstellern (Landwirte, Verarbeitungsunternehmen) bezogen wird? Und welche Rolle spielen die im BNN Herstellung und Handel organisierten Großhändler?

BioHandel: Was muss man tun, um eine verlässlichere Datenbasis zu bekommen?

Heike Kuhnert: Erst einmal muss man viel Fleißarbeit leisten, um einen Gesamtüberblick über den Naturkostfachhandel zu bekommen – dies sind die ersten Schritte in unserem Projekt. Für eine verlässlichere Datenbasis ist es wichtig, dass wir die so genannte Grundgesamtheit der Naturkostfachgeschäfte und der Großhändler in Deutschland besser kennen. Das heißt einerseits, die möglichst genaue Anzahl an Einzel- und Großhändlern, die in diesem Segment unterwegs sind. Und genauso wichtig: Kennzahlen zu deren Unternehmen wie zum Beispiel Umsatz, Bedeutung des Non-Food-Food-Sortimentes, Verkaufsfläche bei den Einzelhändlern oder die Vertriebsstruktur bei den Naturkostgroßhändlern. Damit wir diese Daten zusammenstellen können, sind wir – wie schon gesagt – auf die Mithilfe der Branche angewiesen. Je mehr Händler sich an den Befragungen beteiligen, umso verlässlichere Daten erhalten wir für die Beschreibung der aktuellen Marktsituation und zur Fortschreibung der Daten in der Zukunft.

BioHandel: Inwiefern war es wichtig, auch den Großhandel einzubeziehen?

Heike Kuhnert: Großhandel und Einzelhandel sind beide wichtige Elemente der Naturkostbranche. Spannend sind für uns vor allem auch deren Beziehungen untereinander: Welche Rolle spielt der Bezug bei regionalen oder überregional tätigen Großhändlern? Und: Wie hoch ist der Umsatzanteil des Großhandels, der auf Einzelhandelsgeschäfte außerhalb des traditionellen Naturkostfachhandels wie selbstständige Kaufleute mit einem Bio-Shop-in-Shop-System entfällt?

BioHandel: Auf welchen Zeitraum ist das Projekt angelegt und wer finanziert es?

Heike Kuhnert: Das Projekt ist zunächst auf zwei Jahre angelegt. In dieser Zeit wird es vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz über das Bundesprogramm Ökologischer Landbau finanziert.

BioHandel: Was ist das Ziel des Projekts?

Heike Kuhnert: Ziel ist anfangs, eine aktuelle Bestandsaufnahme des Naturkostfachhandels in Deutschland zu erstellen. Aber dies ist nur das erste Etappenziel. Mit den Projektarbeiten soll der Grundstein gelegt werden, um mittel- bis langfristig das Marktsegment Naturkostfachhandel beschreiben und den Marktakteuren Daten zur Verfügung stellen zu können. Damit dies geschieht, gehört ein inhaltliches und finanzielles Konzept zur nachhaltigen Pflege bzw. Aktualisierung der Daten mit zum Projekt. Mit Letzterem orientieren wir uns am erfolgreich vom BNN Herstellung und Handel mit dem Fachhandel betriebenen Obst- und Gemüsemonitoring. Das Monitoring wurde auch zunächst staatlich finanziert und ist danach ein Selbstläufer der Bio-Branche geworden.

BioHandel: Was kann man künftig mit der Datenbasis anfangen, wenn Geschäfte schließen und neue hinzukommen? Ist das Zahlenwerk nicht schnell veraltet?

Heike Kuhnert: In welchem Turnus Aktualisierungen erforderlich sind, um weiter verlässliche Daten zu haben, arbeiten wir im Projekt heraus. Es wird darum gehen, die methodisch notwendigen Anforderungen und die Machbarkeit der Datenpflege, nicht zuletzt die dafür notwendige Finanzierung, zusammen zu bringen.

Termin BioFach

Zu einem Gespräch und einer Information über das staatlich geförderte und wissenschaftlich begleitete Projekt lädt der BNN Herstellung und Handel auf der BioFach ein. Die Veranstaltung trägt den Titel „Marktdaten für den Naturkosthandel“. Drei Referentinnen werden darüber sprechen, warum es zur Struktur des spezialisierten Naturkosthandels bislang nur wenige abgesicherte Marktdaten gibt. Es informieren Sabine Kauffmann (Bio Verlag), Dr. Heike Kuhnert (Land und Markt) und Elke Röder (BNN Herstellung und Handel).
Termin: Mittwoch, 17.2. (Fachhandelstag), 15 bis 16 Uhr, CCN Ost, Raum Riga.

BioHandel: Nochmal zurück zu der bevorstehenden Ladenbefragung. Wie wird der Datenschutz sichergestellt?

Heike Kuhnert: Indem die Daten in einer Datenbank gehandhabt werden, die ausschließlich für die Arbeiten im Rahmen des Projektes zur Verfügung steht. Andere als die Mitarbeiter des Projektteams haben auf die Daten keinen Zugriff. Ergebnisse zu den Strukturdaten des Handels werden grundsätzlich nur so veröffentlicht, dass keine Rückschlüsse auf einzelne Unternehmen möglich sind. Dass wir mit den Daten sehr sorgfältig umgehen, ist für uns selbstverständlich, da wir das uns entgegengebrachte Vertrauen auf keinen Fall enttäuschen möchten.

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