- | + Biohandel   Hintergrund Ausgabe 1/ 2009

Umweltschutz

Gutes Handeln muss der Rede wert sein

Umweltschutz ist vielen Bio-Betrieben ein wichtiges Anliegen. Nicht nur beim Anbau, sondern auch in Verarbeitung und Handel. Dabei ist das Engagement oft größer als es nach außen hin scheint. Grund: Die eigenen Umweltleistungen werden nicht zielgerichtet kommuniziert. Konventionelle Wettbewerber versäumen dagegen nicht, ihr gutes Handeln werbewirksam herauszustellen: Es verbessert ihr (Marken-)Image und bindet so die Kunden. // Leo Frühschütz

Lebensbaum FirmengebäudeWer Pressemitteilungen großer Naturkosthersteller und Händler auswertet, findet nur bei Lebensbaum (Firmengebäude Bild lks. nach ökol. Gesichtspunkten), Neumarkter Lammsbräu und Märkisches Landbrot eine kontinuierliche Berichterstattung zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit.

Preisfrage: Wer hat zuerst auf Ökostrom umgestellt, Rewe oder Basic? Die richtige Antwort lautet: Rewe! Der Handelskonzern hatte vor einem Jahr auf der Grünen Woche in Berlin den Schalter umgelegt: „Wir haben aus der Klimaschutzdebatte Konsequenzen gezogen und die Initiative ergriffen“, erklärte damals Alain Caparros, Vorstandsvorsitzender der REWE Group. Basic zog Anfang Mai 2008 nach.

Zweite Chance: Bei welchen Babykostherstellern findet man im Internet einen Umweltbericht? Alete, Hipp oder Sunval? Die richtige Antwort: Alete und Hipp. Beide Unternehmen sind nach der EU-Öko-Audit-Verordnung zertifiziert. Zu deren Pflichten gehört es, eine Umwelterklärung zu veröffentlichen. Sunval betreibt seit Januar 2005 eine 650 Quadratmeter große Solarstromanlage, sagt aber ansonsten im Internet kein Wort zum Thema Umwelt.

Die Beispiele zeigen zweierlei: Auch Bio-Betriebe können in Sachen Umwelt noch zulegen. Dort, wo sie sich bereits vorbildlich engagieren, reden sie kaum darüber. Dabei gäbe es sicher viel zu erzählen. Doch womöglich ist für viele Bio-Pioniere Umweltschutz so selbstverständlich, dass sie es nicht der Rede Wert finden, wenn sie die Heizung von Erdöl auf Hackschnitzel und Solarwärme umstellen, Ökostrom beziehen oder ihren Mitarbeitern ÖPNV-Tickets schenken.

Wer die Pressemitteilungen der großen Naturkosthersteller und Händler auswertet, findet nur bei Lebensbaum, Neumarkter Lammsbräu und Märkisches Landbrot eine kontinuierliche Berichterstattung zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Andere Unternehmen vermelden einzelne Aktivitäten. So teilte Honigspezialist Allos kürzlich mit, dass man die Qualität des Abwassers vor der Einleitung durch den Einsatz von Mikroorganismen verbessere. Alnatura installierte in sämtlichen Filialen Glastüren vor den Kühlregalen, um die Wärme auszusperren und so bis zu 60 Prozent des für die Kühlaggregate benötigten Stroms zu sparen.

Umweltschutz braucht System

Diese und zahlreiche weitere veröffentlichte Beispiele stammen fast immer von Firmen, die über ein Umweltmanagement verfügen. Bei ihnen ist das Thema Umwelt fest und formell im Unternehmen verankert (siehe Kasten). „Das Wichtigste für ein Unternehmen ist zu wissen, wo es eigentlich steht. Und dann die notwendigen Verbesserungen abzuarbeiten“, sagt Elke Röder, Geschäftsführerin des BNN Herstellung und Handel. „Dazu braucht man kein Managementsystem, aber es ist hilfreich.“ Für Professor Jens Pape erlaubt das Umweltmanagementsystem dank der kontinuierlich erhobenen Daten und der im Betrieb verankerten Strukturen schnelle Antworten auf neue Fragen: „Heute ist es der CO2-Ausstoß, morgen kann etwas ganz anderes Thema sein.“

Jens Pape beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Umweltmanagement und lehrt derzeit an der Fachhochschule Eberswalde „Unternehmensführung in der Agrarwirtschaft“. Wichtig ist für ihn, dass das Umweltmanagement nicht aufgepfropft wird, sondern die dahinter stehende Denkweise das ganze Unternehmen durchdringt. Ähnlich formuliert es Rapunzel-Vorstand Joseph Wilhelm: „Umweltbewusstsein kann nicht angeordnet werden. Nur durch tägliches Bemühen aller Firmenangehörigen kann die bewusstseinsmäßig notwendige Verankerung der Umweltziele erreicht werden.“

Ob ein Unternehmen diesen Weg geht, hängt zum einen von der Größe ab. Je kleiner die Firma, desto schwieriger ist es, den mit einem Managementsystem verbundenen Aufwand neben der Alltagsarbeit zu bewältigen. Außerdem muss man zu Beginn des Prozesses Geld in die Hand und sich als Chef entsprechend Zeit dafür nehmen. „Das sollte man als wichtige Investition in den Betrieb sehen“, betont Jens Pape. Die Entscheidung für ein Umweltmanagement ist aber auch eine Frage der Unternehmenskultur. „Viele Unternehmer gehen lieber konkrete Probleme an, wenn sie anstehen“, beschreibt das Elke Röder. Ein Problem dabei ist, dass Aktivitäten, die zwar sinnvoll aber nicht zwingend notwendig sind, im Alltagsbetrieb womöglich auf der Strecke bleiben. Dazu gehört etwa der Umstieg auf Ökostrom, aber auch eine zielgerichtete Kommunikation der eigenen Umweltleistungen.

Sonnenstrom hat auch Aldi

Diese Bescheidenheit könnte zum Problem werden, weil die konventionellen Mitbewerber neben ihrem wachsenden Bio-Sortiment auch ihre Umweltleistungen stärker herausstellen. „Schaut her, wir haben nicht nur Bio, sondern sind auch Öko“, lautet die Botschaft. So beteiligen sich Rewe, Tengelmann, die dm-Drogeriemärkte und Frosta am Product Carbon Footprint Projekt, das die CO2-Bilanz verschiedener Lebensmittel ermitteln soll. Aldi lässt auf die Dächer seiner Logistikzentren Solarstromanlagen bauen. Aus Sicht von Naturkostunternehmen, die schon vor Jahren in ihre regenerative Energieversorgung investierten, wirkt das wie ein Aufspringen auf den fahrenden Zug.

Auch hatte sich die Naturkostbranche mit klimaneutralem Obst und Bratwürsten sowie der Mitarbeit am Stop Climate Change-Standard viel früher des Themas Klimawandel angenommen als der konventionelle Handel. Doch der schläft nicht und hat im Kampf um die Köpfe der Bio-Kunden einen Vorteil: In vielen großen Konzernen gehört das Thema CSR zum Standard und ist entsprechend im Management verankert. CSR steht für Corporate Social Responsibility, also für die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen und deren Anstrengungen, nachhaltig zu wirtschaften. Dazu gehören neben den umweltbezogenen auch soziale Aktivitäten, von der Mitarbeiterführung bis hin zur Förderung sozialer Projekte. Auch in diesem Bereich hätte die Naturkostbranche viel zu berichten und tut es noch zu selten.

CSR: Öko und sozial

Bei den großen Unternehmen – auch in der Ernährungsbranche und im Handel – dagegen werden CSR-Aktivitäten und Berichte immer wichtiger. Da mag manches grüne Mäntelchen dabei sein. Etwa wenn ein für sein unsoziales Verhalten und Preisdumping bekannter Discounter wie Lidl eine eigene Fairtrade-Marke lanciert oder das Greenpeace-Magazin verkauft. Doch dauerhaft erfolgreich ist das nicht. „Voraussetzung für eine strategische und nachhaltige CSR-Kommunikation ist, dass sie auf Substanz aufsetzt und damit nicht primär PR -getrieben ist“, schreiben die Berater der Agentur Brands & Values. Sie argumentieren, dass eine ernst gemeinte CSR-Strategie ein Unternehmen effektiver und erfolgreicher machen kann. Klar ist, dass Energieeinsparungen und effizienter genutzte Rohstoffe die Kosten senken können. Weniger offensichtlich ist, dass CSR Produktinnovationen fördern kann, etwa wenn ein Händler im Rahmen seiner CSR-Politik stärker auf Regionalität setzt und entsprechende Artikel anbietet. Auch die Kommunikation über solche Aktivitäten schafft Mehrwert. Denn sie sorgt dafür, dass das Engagement des Unternehmens als glaubwürdig wahrgenommen wird. Das verbessert das (Marken-)Image und bindet die Kunden.

Noch ist CSR ein Thema vor allem für Großunternehmen. Doch gilt das Gesagte auch für kleine und mittelständische Betriebe (KMU). Ein Bioladen, dessen alte Kühltheke dreimal mehr Strom braucht als eine neue, bekommt nicht nur eine entsprechend hohe Stromrechung, sondern auch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Weil sich kleinere Betriebe schwer tun, gibt es für KMU eine Reihe von Beratungsangeboten für mehr Umweltschutz im Betrieb (siehe Kasten). Doch auch sie können der Unternehmensführung eine Aufgabe nicht abnehmen: Die Ampel auf Grün stellen und selbst aufs Gas drücken.

Die Öko-Bauherren

Ökologie satt verwirklichen viele Bio-Betriebe, wenn sie umziehen, neu bauen oder erweitern. Da müssen sie sowieso viel investieren und planen. Dabei kommt dann oft – mit und ohne Umweltmanagementsystem – die ökologische Grundeinstellung zum Vorschein. Einige Beispiele aus der letzten Zeit: Lebensbaum heizt und kühlt den gerade begonnenen Erweiterungsbau mit Erdwärme.

Rapunzel hat beim Erweitern 2007 ein Hackschnitzel-Heizkraftwerk mitgebaut. Taifun stattete das neu erworbene Gebäude für sein Logistikzentrum mit moderner Kühltechnik und einem Wärmerückgewinnungssystem aus.

Byodo heizt seine neue Halle über eine Wärmepumpe. Die Halle weist zahlreiche technische Besonderheiten auf, etwa Betondecken, die wie eine Wandheizung funktionieren, oder einen riesigen Wintergarten als Wärmepuffer. Das Hallendach über den 3.000 Palettenstellplätzen ist eine Holzkonstruktion, die nahezu Niedrigenergiestandard einhält. „Eine echte Rarität im Industriebau“, freut sich Byodo.

Öko als Chefsache

Üblicherweise untersteht das Umweltmanagement direkt der Unternehmensleitung. Im Rahmen dieses Managements kümmern sich einer oder mehrere Mitarbeiter eigens darum, die Umweltauswirkungen des Unternehmens zu erfassen. Sie setzen die geplanten Umweltziele um und kümmern sich mit um die Kommunikation der Umweltleistungen. Pflichten und Zuständigkeiten sind klar geregelt. In der Norm ISO 14001 ist festgelegt, wie ein solches Umweltmanagement aussehen sollte. Die EU-Ökoaudit-Verordnung (EMAS) verlangt ebenfalls ein funktionierendes Umweltmanagement sowie eine regelmäßige Berichterstattung.

Die zertifizierten Unternehmen dürfen mit dem Öko-Audit werben, allerdings nicht produktbezogen. Von den großen Bio-Verarbeitern sind neun EMAS-zertifiziert: Andechser Molkerei, Hipp, Herzberger Bäckerei, Hofpfisterei München, Lebensbaum, Perger Säfte, Märkisches Landbrot, Neumarkter Lammsbräu und Salus/Herbaria). Das klingt wenig, doch insgesamt tragen nur knapp hundert Betriebe aus der Ernährungswirtschaft das EMAS-Logo. EMAS-zertifiziert sind auch die Naturkosmetik-Hersteller Wala und Weleda. Über alle Branchen hinweg sind es rund 1.500 Unternehmen. Weitaus mehr Firmen dürften über ein nach ISO 14001 zertifiziertes Umweltmanagementsystem verfügen. Hier gibt es jedoch kein zentrales Register. Von den Bio-Herstellern zählen dazu neben anderen Allos und Rapunzel. Weitere Informationen unter www.emas.de.

Hilfe beim Öko-Check

Für Umweltchecks, die Einrichtung eines Umweltmanagements sowie für diverse betriebliche Umweltschutzmaßnahmen gibt es Fördermittel und Beratungsprogramme. Zu den wichtigsten praxisorientierten Hilfen gehören PIUS (Produktionsintegrierter Umweltschutz,
www.pius-info.de) und QuB (Qualitätsverbund umweltbewusster Betriebe, www.qub-info.de). Die meisten Beratungsangebote werden auf Länderebene organisiert. So gibt es zum Beispiel in Bayern ein Umweltberatungs- und Auditprogramm, das Beratungskosten bezuschusst.

Infos über Fördermittel für betriebliche Umweltschutzmaßnahmen haben Länderbehörden und IHKs vorrätig. Eine ausführliche Liste bundesweiter Förderprogramme findet sich unter: www.izu.bayern.de im Menü Umweltmanagement/Förderfibel.

Mehr Infos

Im Netz:
www.baumev.de
Der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management
www.respact.at
Österreichische Plattform für CSR
http://ec.europa.eu/environment/sme/index_de.htm
Ein EU-Programm für Umweltschutz in KMU
www.nachhaltigwirtschaften.net
Info-Portal des ALTOP-Verlags
Auf Papier:
Annett Baumast, Jens Pape:
Betriebliches Umweltmanagement – Nachhaltiges Wirtschaften im Unternehmen. Verlag Eugen Ulmer,
3. überarbeitete Auflage 2008,
ISBN 978-3-8001-5564-4

Leserbrief

„Für Kleine selbstverständlich“

Vielleicht hört man von „den Großen“ so viel, weil sie es nötig haben, damit zu werben. Für Kleinere ist es in vielen Teilen selbstverständlich, so zu arbeiten. Manchmal wird andersherum ein Schuh daraus.

Neele Förste
naturkost@live.de

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