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Bio im TV
Schelte vom Politmagazin Panorama
„Geheimsache Bio“ hieß ein Halbstunden-Beitrag, den der Norddeutsche Rundfunk am Mittwochabend den 7.10.09, in seiner Sendung „Panorama – Die Reporter“ brachte. Themen waren der Kupfereinsatz im Obstbau, die Geflügelhaltung und die Frage, ob Bio gesünder sei. Panorama ließ die Bio-Branche und ihre Vertreter darin ziemlich schlecht aussehen. Am Donnerstagabend, den 8.10.09, lief der Beitrag noch einmal in gekürzter Fassung im Ersten. Unser Autor Leo Frühschütz hat die wichtigsten Antworten auf die im Film aufgeworfenen Probleme zusammengestellt und sagt, was von dem Beitrag zu halten ist. Stellungnahmen gibt es auch von Bioland und Naturland.
Im einzelnen hat Panorama die folgenden Themen angesprochen:
Bio-Obst ist nicht ungespritzt, Bio-Obstbauern spritzen Kupfer als Pestizid, das Schwermetall schädigt Bodenleben und Fische.
Richtig: Auch Bio-Bauern verwenden Pflanzenschutzmittel und bringen diese mit der Spritze aus. Allerdings sind chemisch-synthetische Wirkstoffe und damit fast alle herkömmlichen Pestizide (Kupfer gilt beispielsweise als herkömmliches Pestizid) für Bio-Bauern verboten. Sie dürfen nur natürlich vorkommende Stoffe einsetzen. Auf der Liste der zugelassenen Substanzen stehen zum Beispiel Kaliseife gegen Läuse, Extrakte des Neembaumes gegen bestimmte Insekten, Mikroorganismen wie der Bacillus Thuringiensis oder eben Kupfer.
Das Schwermetall Kupfer ist (anders als Quecksilber oder Cadmium) ein essentielles Spurenelement und wirkt erst in höheren Dosierungen giftig. Es ist neben Schwefel das einzige Mittel, das Ökobauern gegen Pilzerkrankungen wie Mehltau einsetzen dürfen. Auch konventionelle Bauern verwenden es immer noch, wenn synthetische Fungizide versagen oder um Resistenzen bei Schädlingen vorzubeugen. Nach Angaben des Umweltbundesamtes verbraucht der Ökolandbau in Deutschland 20 Tonnen Kupfer im Jahr, die konventionelle Landwirtschaft 300 Tonnen. Eingesetzt wird Kupfer insbesondere beim Anbau von Hopfen, Weintrauben, Kartoffeln und Obst. Das Schwermetall reichert sich im Boden an und kann sich negativ auf das Bodenleben, insbesondere auf Regenwürmer, auswirken. Deshalb ist der Kupfereinsatz für Ökobauern streng limitiert. Sie dürfen nach EU-Öko-Verordnung pro Jahr maximal 6 kg/ha Kupfer ausbringen. Die deutschen Anbauverbände haben diese Menge auf 3 kg/ha (Hopfen 4 kg/ha) halbiert. Bei Demeter ist der Kupfereinsatz im Kartoffelanbau verboten. Obstbauern (auch ökologische) dürfen Kupfer generell nur vor der Blüte einsetzen. Je nach Blütezeit und Wetter sind das zwei oder drei, selten mehr Spritzungen. Institute und Praktiker arbeiten seit Jahren daran, den Kupfereinsatz zu verringern oder ganz unnötig zu machen. Ein Weg ist die Zucht pilzresistenter Rebsorten wie „Regent“ oder Apfelsorten wie „Topas“.
Ein Teil der Pflanzenschutzbehandlungen im Obstbau dient dazu, das Produkt gut aussehen zu lassen. Durch Schorf oder die so genannten Rußflecken wird ein Apfel nicht schlechter, aber unverkäuflich. Doch Handel und Kunden sind es inzwischen gewöhnt, dass Bio-Erzeugnisse ebenso makellos aussehen wie konventionelle. Bei besonders empfindlichen Apfelsorten, etwa Gala, führt dies dazu, dass der Bio-Bauer den Apfel bis zu 15 mal spritzen muss. Robuste Sorten kommen mit weit weniger aus.
Zum Weiterlesen:
Bio-Bauern betreiben bei Legehennen Massentierhaltung.
Die EU-Öko-Verordnung erlaubt pro Stall die Haltung von 3000 Legehennen, 4800 Masthühnchen oder 2500 Puten. Eine Betrieb darf jedoch mehrere Ställe bzw. Gebäude umfassen. Dies gilt auch für die Anbauverbände. Angesichts dieser Zahlen kann man vom Massentierhaltung sprechen. Allerdings brauchen spezialisierte Betriebe diese Größe auch, um ein angemessenes Einkommen zu erzielen. Zudem gewährleisten die Öko-Regeln, dass jedes Tier mehr Platz als in der konventionellen Tierhaltung und außerdem Auslauf hat.
Die Hälfte aller Bio-Eier verkaufen die Discounter, ein weiteres Drittel der klassische LEH. Naturkosthandel und Direktvermarkter kommen noch auf einen Marktanteil von zwölf Prozent. Der Preisdruck des Handels (und der Verbraucher, die günstige Bio-Eier wollen) hat dazu geführt, dass immer mehr Bio-Eier in großen Einheiten erzeugt werden. 2002 hielt ein Bio-Betrieb im Schnitt 3.500 Legehennen, inzwischen sind es 16.300, Tendenz steigend. Bald jede zweite Biohenne lebt in einem Betrieb mit 30.000 Tieren und mehr. 2007 erwarb die Deutsche Frühstücksei GmbH die Mehrheit der Firma Wiesengold Landei. Damit wurde der größte Erzeuger konventioneller Käfig-Eier auch zum wichtigsten Bio-Eier-Anbieter.
Bio-Eier-Produzenten wie Wiesengold, Landkost, Deersheim oder Hennenberg sind keine bäuerlichen Familienbetriebe, sondern Agrarindustrielle. Die gesamte konventionelle Geflügelhaltung ist so strukturiert. Deshalb finden sich diese Strukturen immer häufiger auch im Ökolandbau. Dies wird in der Bio-Branche durchaus kritisch diskutiert, zumal solche Betriebe immer wieder durch ihren großzügigen Umgang mit den Öko-Regeln (z.B. Landkost, Deersheim, Hennenberg) auffallen. Andererseits sind einige Agrarindustrielle Mitglieder eines Anbauverbandes.
Verbraucher können bäuerliche Hennenhalter unterstützen, indem sie beim Eierkauf im Bio-Laden gezielt nach der Herkunft fragen. In Naturkostfachgeschäften gibt es sehr oft Eier von regionalen Erzeuger. Beispiele für bäuerliche Bio-Legehaltung bieten (neben vielen anderen) Ei.Q. oder Die Biohennen.
Bio-Bauern verwenden für die Putenzucht die gleichen hochgezüchteten Tiere wie konventionelle Betriebe
Das stimmt teilweise. Zwei Zuchtunternehmen kontrollieren 95 Prozent der gesamten Putenzucht weltweit. Daher ist die Auswahl an Putenrassen für den Ökolandbau beschränkt. Es gibt die für den Ökolandbau besser geeigneten Bronzeputen und die gängigen weißen Hybriden, die im Film gezeigt wurden. Der darin vorgestellte Heinrich Tiemann (Wiesengold) liefert mit seiner Firma Biofino mehr als 50 Prozent des Bio-Geflügels in Deutschland. Aufgrund der enormen Nachfrage will er in Mecklenburg-Vorpommern drei Bio-Putenmastanlagen für insgesamt 32.000 Bio-Puten bauen. Der Anbauverband Naturland, dessen Partner Tiemann ist, weist darauf hin, dass die Öko-Mäster „überwiegend weibliche Tiere halten. Diese wachsen zwar langsamer und setzen weniger Fleisch an, sind jedoch weniger stressanfällig und besser für die Öko-Freilandhaltung geeignet.“ Die für den Öko-Landbau besser geeignete Bronzepute findet laut Naturland weniger Akzeptanz, da deren Federkiele auf dem Fleisch schwarze, harmlose Flecken verursachen können. Fakt ist, dass das Fleisch der Bronzeputen in der Erzeugung teurer ist. Der wichtigste Verarbeiter von Bronzeputen insbesondere im Naturkostfachhandel ist übrigens Freilandputen Fahrenzhausen.
Es gab in der Bio-Branche nach dem Skandal um die konventionell gefütterten Bio-Puten von Berthold Franzsander eine Diskussion, ob Puten überhaupt für den Ökolandbau geeignet seien. Entscheiden müssen das die Kunden. Die kaufen ein.
Bei der Ökotierhaltung liegt viel im Argen. Zum Beispiel sterben viele Ferkel.
Umfangreiche Bestandsaufnahmen in den Jahren 2003 bis 2005 haben ergeben, dass die Tiere in Öko-Betrieben zwar artgerechter gehalten werden. Im Schnitt sind sie jedoch nicht gesünder als konventionelle Tiere. „Die Erkrankungsraten in den Nutztierbeständen weisen sowohl auf ökologischen als auch auf konventionell geführten Betrieben ein hohes Niveau auf“, lautete damals die Bilanz der Universität Kassel. Zu den Krankheiten zählen Euterentzündungen bei Milchkühen ebenso wie Parasitenbefall oder das Federpicken bei Geflügel.
Das hat damit zu tun, dass es sich, vor allem bei Schweinen und Geflügel, oft um die gleichen hochgezüchteten Rassen handelt. Diese sind wenig robust, kaum an den Ökolandbau angepasst, brauchen genau kalkulierte Futterrationen, sauberes Stroh usw. Das stellt hohe Anforderungen an die Öko-Tierhalter und kann manche überfordern, insbesondere während der Umstellung. Deshalb gibt es viele Versuche, das zu ändern. Tiergesundheitskonzepte und individuelle -pläne sollen den Bauern helfen, vorbildliche Maßnahmen anderer Bio-Betriebe umzusetzen.
In der konventionellen Ferkelzucht werden die Muttersauen als Gebärmaschinen stehend in Abferkelkäfigen fixiert. Im Ökolandbau ist das verboten. Deshalb brauchen die Ökozüchter Sauen mit guten Muttereigenschaften, die aufpassen, wenn sie sich hinlegen. Fehlen den Sauen diese Eigenschaften kann es passieren, dass sie Ferkel erdrücken.
Die Verbraucher kaufen Bio, weil sie es für gesünder halten. Dafür gibt es aber keine Belege.
Die Öko-Branche versucht gezielt, diese Probleme zu vertuschen.
Das ist schlicht Quatsch. Die Probleme rund um den Kupfereinsatz oder die Notwendigkeit öko-kompatibler Tierrassen werden seit Jahren offen diskutiert. In Kunden-Magazinen wie Schrot&Korn ebenso wie in Fachmagazinen und auf Kongressen. Als Beleg für die Geheimniskrämerei gilt Panorama, dass die Bio-Verbände nicht an der Neptun-Studie des Julius-Kühn-Instituts teilnehmen. Bioland begründet das so: „Die Bioverbände beteiligen sich nicht an Neptun, weil hier von der Zahl der Behandlungen die Intensität des Pflanzenschutzes abgeleitet wird. Der ebenfalls in Deutschland erhobene Risikoindex eines Pflanzenbehandlungsmittels, der die Gefährlichkeit des Mittels berücksichtigt, wird jedoch in Neptun nicht dargestellt. Naturgemäß müssen im Bioanbau mit dem Einsatz von schwach wirkenden, natürlichen Mitteln mehr Pflanzenbehandlungen erfolgen, als mit hochwirksamen Pestiziden. So würde die ökologische Landbewirtschaftung in Neptun als "intensiver" dargestellt, als eine nicht-ökologische Bewirtschaftung. Dies halten wir nicht für gerechtfertigt.“
Über die Leistungen des Ökolandbaus aber auch über seine Probleme informieren zum Beispiel die folgenden Broschüren:
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