Guten Tag,Diskussionen im Naturkosthandel sollten unter den Beteiligten stattfinden und nicht über die Betroffenen. Ende letzter Woche erreichte Euch möglicherweise eine Mail von Karl Hässner, in der er Kritik an Schrot&Korn äußerte (z. B. an der Meldung zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis, die auch Alnatura erwähnte). Da wir diese Mail nicht direkt erhielten, sondern leider erst verspätet von Dritten, können wir erst jetzt zu der Kritik Stellung nehmen.
Herr Hässner hat an einen recht breiten Verteiler gemailt, den er uns nicht nennen möchte. Einige Reaktionen zeigen, dass die angesprochenen Themen kontrovers diskutiert werden. Deswegen nun diese Mail an Euch.
Nennung von Alnatura beim Deutschen NachhaltigkeitspreisGrundsätzlich erwähnen wir in Schrot&Korn keine Bio-Läden. Weil ansonsten ein Laden, der „seine“ Hefte verteilt, für einen Mitbewerber Werbung machen würde. Ausnahmen machen wir nur, wenn eine Meldung zu einem Laden für den Leser/für die Branche einen hohen Nachrichtenwert hat.
Beim Nachhaltigkeitspreis sind wir der Ansicht, dass
- wir es unseren Lesern schuldig sind, sie über den Nachhaltigkeitspreis zu informieren
- es zum Vorteil des ganzen Naturkosthandels ist, wenn wir darüber berichten (können). dass die Aktivitäten „unserer“, also naturköstlicher Bio-Unternehmen von Außenstehenden gewürdigt werden. (Da in weiten Teilen der Öffentlichkeit immer noch „die Bio-Läden“ als Einheit wahrgenommen werden, ist dies natürlich auch von Vorteil für nicht gewürdigte/erwähnte Läden.)
Deshalb auch die Erwähnung der Bio-Brauerei Neumarkter Lamsbräu in der kritisierten Meldung. Sie war in der Spitzen-Dreiergruppe der Kategorie „Nachhaltigste Marke“. Und Alnatura gehörte zu den ausgezeichneten Top 3 „Deutschlands nachhaltigste Unternehmen 2009“
Nun wird gesagt: „Ja, Alnatura hat die Leute, das Geld, den Verwaltungsapparat, um so einen Preis zu gewinnen. Aber „normale“ Läden?“ Wir bemühen uns, gerade wenn kleinere Läden etwas Besonderes zu einem „naturköstlichen“ Thema – bio, vollwert, fair, nachhaltig, CO2 … - leisten, dies auch zu erwähnen. Wie z. B. Bio-Emma in Ottersberg, die sich als erster Laden CO2-zertifizieren ließen. Auch diesen Laden haben wir im Zusammenhang mit dem Thema „Chefsache Klimaschutz“ im Artikel erwähnt. Weil wir fanden, dass er für viele andere Läden steht, die ebenfalls nachhaltig wirken. Nur mit solchen Läden können wir das stellvertretend für den gesamten Naturkosthandel den Lesern zeigen.
(Übrigens ist das für uns auch ein Argument für die Leserwahl zum „Besten Bio-Laden“. Denn hier helfen wir, vor Ort einen Anlass zur Öffentlichkeitsarbeit zu schaffen.)
Werbung in Schrot&Korn allgemeinWelche Anzeige eine Zeitschrift zulässt, ist eine Frage des Selbstverständnisses und der redaktionellen Ausrichtung. Wir diskutieren unsere Anzeigen-Politik immer wieder neu. In unseren Anzeigenunterlagen steht (und daran halten wir uns):
„Wir lehnen Anzeigen ab, die mit dem Naturkosthandel konkurrierende Vertriebswege bewerben oder einer gesunden, nachhaltigen Lebensweise widersprechen.“
- Keine Werbung eines Versandhändlers für Produkte, die auch zum Sortiment vieler Bio-Läden gehören.
- Keine Anzeigen z. B. für Zigaretten, AKWs, angebliche Wunder wirkende überdosierte Vitaminpillen, merkwürdige Investments, konventionelle Lebensmittel. (Wobei „widersprechen“ bewusst gewählt ist. Denn für Naturwissenschaftler sind Kupferarmbänder und Makrobiotik äußerst zweifelhaft. Für Vegetarier und Veganer sind alle tierischen Produkte tabu. Und für Rohköstler alles Gekochte.)
Natürlich wäre es uns am Liebsten, wenn in Schrot&Korn nur Werbung für Produkte wäre, die in Bio-Läden verkauft werden. Allerdings haben wir keinen Einfluss auf die Marketing-Politik der Naturkost- und Naturkosmetik-Hersteller. Und leider sind die Werbeaufwendungen der meisten nach den Maßstäben „normaler“ Markenpolitik sehr gering. Und damit auch ihre Ausgaben für Werbung in Schrot&Korn. Deshalb ist Schrot&Korn momentan auf „branchenverwandte“ Anzeigen angewiesen. (Ohne diese müssten wir den Heftpreis für die Läden etwa verdoppeln, bei deutlich verringertem Umfang.)
Allerdings bezahlen solche Anbieter (Banken, Textilversender, Urlaub …) für ihre Anzeigen 33 % mehr als Naturkost- oder Naturkosmetik-Firmen. Denn auf Anzeigen, die „ausschließlich den Absatz über den Naturkosthandel bewerben“, geben wir unseren „Produktrabatt“.
Zur Abrundung hier noch weitere Regeln unserer Anzeigenpolitik:
- Keine Aktionspreise bei den Anzeigen.
- Wenn wir erfahren, dass ein Unternehmen sich gesetzwidrig oder grob unmoralisch verhält (Betrug, Kinderarbeit, Ausbeutung der Lieferanten oder Mitarbeiter), lehnen wir eventuelle Aufträge ab. (Gleiches gilt, wenn wir erfahren, dass die Eigentümer eines Unternehmens sich so verhalten haben und dies auch in Zukunft zu erwarten ist.)
Anzeigen für Produkte, die „unser Laden nicht führt“Hier liegt natürlich ein Grau-Bereich. Einerseits können und wollen wir nicht, dass Läden über Schrot&Korn quasi gezwungen werden, Produkte, die sie ablehnen, zu führen. Andererseits würde die Begrenzung der Anzeigen auf Produkte, die praktisch alle Läden führen, selbst viele Rapunzel-Produkte von der Bewerbbarkeit ausschließen. Wir wären dann „Zensoren“, die entscheiden, was denn nun die „verbreiteten“ und ethisch vertretbaren Naturkost-Produkte sind. (Die Mitarbeit beim BNN-Kodex ist leider nicht ausreichend – Firmen wie Rapunzel, dennree, Zwergenwiese, Lavera, Wala … sind dort nicht gelistet.)
Wir gehen also einen Mittelweg. Wenn Produkte nicht – siehe oben – einer gesunden, nachhaltigen Lebensweise widersprechen und bei genügend Großhändlern gelistet sind (so dass ein Laden sie normalerweise beziehen kann), können sie in Schrot&Korn beworben werden. Und wir wissen, dass diese Lösung nicht wirklich scharf abgrenzt. Es ist die einzige, die bisher zwischen „Alles geht!“ und „Nur Allos-Vielblütenhonig und ähnliches!“ vernünftig umsetzbar ist.
(Wenn Kunden einen Laden „drängen“, bisher nicht geführte Produkte kaufen zu können – ist das ja nicht nur schlecht, oder?)
S&K-Leserwahl – Die besten Bio-Läden 2010Die Aktion haben wir vor sieben Jahren hauptsächlich deshalb initiiert, weil wir jedem Bio-Laden ermöglichen wollten,
- Einfach und kostengünstig Feedback von seinen Kunden zu erhalten. Zu erfahren, was schätzt der Kunde an „seinem“ Laden und was wünscht er sich zusätzlich. Damit geben wir den Läden die Möglichkeit, für ihn praktisch kostenlos seine Stärken weiter auszubauen und seine Schwächen zu beheben.
- Sich im Wettbewerb einschätzen zu können: Durch Vergleich mit den Durchschnittsnoten der Branche kann ich als Laden auch allgemein feststellen, wo meine Stärken und Schwächen liegen. Und durch Veränderungen der Note über die Jahre schon recht frühzeitig eventuelle Veränderungen in der Kundenwahrnehmung bemerken.
Und natürlich: Wenn man eine solche Aktion macht – warum sollte man dann nicht die Möglichkeiten nutzen, die darin für die ladeninterne und allgemeine Öffentlichkeitsarbeit liegen? Deshalb gibt es die kostenlosen Auswertungen und Urkunden bei guten Leistungen. Viele Läden haben gute Erfahrungen mit dem Aushängen der Bemerkungen und der Urkunden gemacht. Und mittlerweile kann mit der Auszeichnung „Bester Bio-Laden“ in der Öffentlichkeit geworben werden.
Manipulationsversuche gibt es – leider – immer. Und wir können sie auch nicht vollständig ausschließen. Aber wir können sie erschweren. Durch die wachsende Bedeutung der Leserwahl ist die Motivation für Mogeleien größer geworden. Damit ist sicherlich auch die Manipulationsgefahr größer geworden. Doch gleichzeitig wachsen unsere Möglichkeiten zur Überprüfung. Mit diesen Erfahrungen verbessern wir gerade unsere internen Kriterien und installieren für die nächste Leserwahl neue Überprüfungsprozesse.
Ja, es gibt „Doping“ bei der Leserwahl. Wir erschweren es – aber verwerfen deshalb nicht den ganzen Wettbewerb.
Noch ein letztes – Herr Weiland fühlt sich von Herrn Hässner missverstanden.
Das ist eine lange Antwort auf einen langen Brief. Natürlich gibt es weitere Gesichtspunkte, Aspekte. Deshalb freuen wir uns auf eine rege Diskussion. Gelegenheit dazu ist ab heute nachmittag im BioHandel-Form. Nur, wenn wir uns auseinander- und wieder zusammensetzen, können wir alle lernen.
Viele Grüße
Ulrike Fiedler