Rolf Muetze
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Es ist nett, wenn über unsere Köpfe (die des Facheinzelhandels) hinweg über unser Geschäft geredet wird. Wie das Branchenranking von Klaus Braun doch regelmäßig zeigt, sind es nur kleine Gruppen im Fachhandel, die einigermaßen über die Runden kommen: Die Hofläden, weil sie ihren Hof im Rücken haben, die ganz Großen (jedenfalls einige davon) und die wenigen Spezialisierten.
Wenn ich aber mit KollegInnen spreche, dann höre ich eher vom Überlebenskampf, von Problemen zu reinvestieren oder neue Konzepte und Wege zu finanzieren, um dem Druck durch LEH/Drogerie, Bio-Discount oder dem anschwellenden grauen Markt (Blumenläden, Coops etc) etwas entgegenzusetzen.
Den Weg über den stets kleineren Preis werden und können wir nicht gewinnen, da sind die anderen einfach besser: Weder wird uns der Fachgroßhandel Konditionen nach Art des LEH bieten können, noch können wir unsere Konzepte so umstricken, dass unsere Kosten in den Keller rauschen.
Durch die zunehmend guten Artikel bzw. echten Dubletten im LEH sehen wir uns gezwungen, den LEH in Sortimentstiefe, Regionalität oder Frische zu schlagen, alles Punkte, die unsere Produktivität (im klassischen Sinne) stark negativ beeinflussen. Wir arbeiten dann mit einem ständig langsameren Sortiment, während der LEH seine Bioartikel (und sein grünes Feigenblatt) nach und nach aus der Verlustzone fährt: Seinen Schnitt macht der LEH sowieso auf anderen Kanälen.
Gerne wird auch übersehen, dass nicht jeder Fachhändler an seinem Standort das Potenzial hat zu expandieren. Viele von uns liegen eben nicht in jenen Gebieten, in denen das Einkommen auf hohem Niveau wächst. Viel eher ist es doch so, dass jene von uns, die „auf der Fläche“ angesiedelt sind, durch die Konditionen des Großhandels die Geschäfte in den Zentren subventionieren.
Unsere finanzielle Lage lässt es aber gar nicht zu, mit noch weniger Schnitt zu arbeiten, wir freuen uns über jeden Cent, der noch bei uns hängen bleibt. Wir verlieren jedes Jahr Kunden an unsere Konkurrenz, besonders an jene außerhalb des Fachhandels. Dabei sind schon wenige Umsatzprozent weniger für einige von uns existenzgefährdend. Ob nun Rossmann, Food-Coop oder Rewe/Plus: Wenn jeder dieser Kanäle jeden Monat nur ein paar hundert Euro abzieht, fehlen uns am Ende schnell ein paar tausend Euro Gewinn.
Gerne vergessen die Großen (entweder sowieso schon Kapitalgesellschaften oder eben so groß, dass eventuelle Verluste kaum Einfluss auf das Kapital haben) der gesamten Branche, dass es besonders im Fachhandel viele inhabergeführte Geschäfte gibt. Hier liegt ähnlich wie in der Landwirtschaft die Deckelung der Krise: Ein paar Jahre mit schrumpfenden oder negativem Einkommen werden hingenommen: Die Menge von Insolvenzen kommt nur etwas später.
Kaum Zahlen fand ich zur Frage Lohnentwicklung unser MitarbeiterInnen, ich vermute aber, dass in allen Non-Top-Lagen die Löhne in den letzten Jahren nicht einmal die Inflation nachgezeichnet haben. (Mit der Ausnahme dort, wo der Branchen-interne Personalwettbewerb die Löhne hob und die Rentabilität senkte). Wir Fachhändler zahlen schon jetzt 70 Prozent (bezogen auf die Kosten) und zwischen 18 und 22 Prozent (bezogen auf den Nettoumsatz) nur für das Personal (jeweils inklusive Inhaber“entlohnung“).
Die Zahlen des Betriebsvergleiches (BioHandel 4/08) sagen einen durchschnittlichen Stundennettolohn von circa 8,70 Euro aus (27.000 Euro AGB), während die in BioHandel 3/08 genannten „Löhne“ von zum Teil deutlich mehr als 10 Euro ausgeht.
Wenn wir von circa 50 Prozent Netto-Aufschlag reden (denn wir haben ja als letztes Glied noch die Mehrwertsteuer aufzuschlagen), dann sollten wir darüber reden, dass selten mehr als 35 Prozent davon übrig bleiben, weil Warenverluste, Rabatte etc. noch davon abgehen. Ganz zu schweigen von jenen Händlern, die dann noch bei Biokorb & Co zu deutlich schlechteren Konditionen einkaufen oder zum unrealistisch niedrig angesetzten empf.VK. verkaufen.
Schauen wir uns jetzt aber mal in den Non-Food-Branchen um, dann gibt es kaum Gebiete, in denen der Fachhandel mit der Service-Qualität, wie wir sie umsetzen, mit solch minimalen Margen arbeiten kann. Der Fachhandel braucht ein Mehr an Marge denn ein Weniger, wenn er auch noch in zehn Jahren flächendeckend anbieten soll.
Ich habe das ungute Gefühl, dass sich der Fachgroßhandel dieser Entwicklung gar nicht bewusst ist: Stetig wachsende Warenumsätze mit immer „besseren“ Kunden suggerieren offensichtlich ein Wachstum, dass aber nur punktuell da ist. Noch wird über die Kombi von „eo komma“ und „Kormoran“ in Berlin gelästert, aber was bleibt denn übrig, wenn alle Fachhandels-Kunden jenen wegbrechen, die weniger als 200.000 Euro Umsatz im Jahr schieben?
Ist es das Ziel des Großhandels, dann nur noch A-Lagen zu versorgen und die Fläche mit dubiosen Food-Coops, Blumenläden und Internetversendern zu versorgen? Soll die Zukunft dann so aussehen, dass der gemeine Kunde zum LEH bzw. Drogerie-Markt muss, um Bio zu bekommen und die Erzeuger sich sowieso zu Erzeugerzusammenschlüssen aufraffen müssen, weil vor Ort keiner mehr die kleinen Partien abnimmt?
Dann sind wir wirklich da, wo sich der LEH heute mit 50 Prozent Bio-Distribution hinschummelt. Aber gibt es dann noch Premium-Bio, wenn nur noch Erzeugung für große Abnehmer drin ist? Wo landet dann der Lagerumsatz des Großhandels?
Jedes Jahr sorgt der Facheinzelhandel dafür, dass der Großhandel Kosten in Größenordnungen spart, weil wir investieren (WWS, Ftp / BNN-Bestellungen, Kühlzellen für den Nachtsprung). Bleibt die Frage, was gedenkt der Fachgroßhandel zu tun?
Markus Maaß
Naturkost Vorpommern, Greifswald
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